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Wally Geyermann Women of Nuremberg ah:mi

"Wir haben in der Corona-Krise gesehen, wer den Laden am Laufen gehalten hat. Das waren zum Großteil Frauen..."

 

Wally Geyermann

Kulturschaffende, Veranstalterin, Coachin

Wally ist eine feste Instanz der Nürnberger Subkultur-Szene. Sie organisiert Veranstaltungen, engagiert sich politisch und setzt sich mit Herz und Verstand für die Belange der Kulturschaffenden ein.

Was wolltest du als Kind werden?

 

Wally Geyermann: "Ich habe tatsächlich nie eine genaue Vorstellung gehabt, wie ich Lohnarbeit bestreiten will. Diese Vorstellung gab es nicht einmal nach dem Abitur. Ich wollte einmal LKW-Fahrerin werden, wie mein anarchistischer Onkel, aber das hat meine Familie verhindert. Zum Glück, vielleicht.


Ich hatte keine genaue Vorstellung und habe diese Frage auch nie ernst genommen. Ich habe hier viele Freunde und Freundinnen, die aufgrund ihrer Berufsausbildung in Nürnberg gelandet sind. Ich habe nach dem Abi zig Ausbildungen angefangen. Ich war beim Bau, ich war in der Technikschule in München, hab mal studiert... und eigentlich wollte ich nur irgendeine Ausbildung haben als Alibi für meine Familie (lacht). Die hatten große Ambitionen, was ich werden sollte. Am besten, ich sollte in die Wissenschaft gehen, und dann war mein prägendes Mutterschiff hier in Nürnberg die Desi und Radio Z. Da war ziemlich schnell klar, dass dieses Arbeiten im Kollektiv mein Revier ist. Damit fühle ich mich wohl. Da finde ich Inspirationen, da finde ich großartige Menschen um mich herum, da finde ich Kontakte, die ich sonst im normalen Berufsfeld nicht finden würde. Und dann war irgendwann klar: "Hey, ich verdiene schon mein Geld und ich arbeite die ganze Zeit. Liebe Familie, ich brauche keine Ausbildung.“ Aber ich habe sogar vor ein paar Jahren eine Ausbildung abgeschlossen – Mediation und Coach studiert an einer Fernuniversität. Gemeinsam mit einer Kollegin aus dem E-Werk will ich mich damit auch selbstständig machen und Kulturbetriebe beraten. Leider ist uns Corona da in die Quere gekommen und jetzt müssen wir abwarten bis sich die Szene erholt hat."

Das klingt nach einem sehr untypischen und spannenden Arbeitsablauf. Wie sieht denn so ein Tag bei dir aus?

 

„Ich war ja sehr früh in diesen Kollektivstrukturen drin, in denen immer sehr viel Selbstverantwortung und sehr viel Gruppenarbeit existiert. Ab und zu bin ich auch ausgebüxt in die Wirtschaft, bzw. musste mich dort tummeln, was aber zumeist auch interessante Erfahrungen waren.


Zum Teil bin ich "bürgerlich" geworden mit der Geburt meiner Tochter im Jahr 1998. Da wusste ich: "Okay, ich kann nicht mehr so krass rumflippen. Ich muss irgendwie für eine kleine Grundsicherung sorgen.“ Und ich würde sagen über die Jahre, egal wo ich gearbeitet habe - sei es als Journalistin, als Bookerin oder als Projektmanagerin - was tatsächlich meinen Tag immer gleich strukturiert ist eine Liste, die ich schreibe. Da verarschen mich schon immer alle (lacht). Am Abend schreibe ich eine Liste, was am nächsten Tag zu tun ist und das kann Allerlei sein. Aber ansonsten ist mein Tagesablauf zu abwechslungsreich, um von einem regelmäßigen Alltag zu erzählen.
Ich steh auf und schaue mir meine Liste an, dann priorisier ich und dann gehts los. Entweder ich muss vor Ort sein oder an den Computer oder ans Telefon oder... Und es gibt viele Sitzungen abends- das ist ein wichtiger Faktor bei Kollektivarbeit. Es gibt wöchentliche Sitzungen oder monatliche Sitzungen, um sich halt wieder auf den Ist-Stand zu bringen, einen Abgleich zu machen und neue Visionen umzusetzen."

 

Wie würde denn der perfekte Arbeitsalltag für dich aussehen?

"Wenn ich längere Zeit unperfekte Tage habe, verabschiede ich mich. Von daher bin ich meist sehr zufrieden mit meinem Tagesablauf. Gerade bin ich in Teilzeit im Z-Bau als Verwaltungskraft. Da sind gute Leute um mich herum. Da habe ich meinen Lohnerwerb. Mein Projekt-Herzblut liegt beim heizhaus. Ich bin keine Künstlerin, ich bin keine Handwerkerin, ich habe dort kein festes Büro oder einen Raum. Ich bin im heizhaus als Veranstalterin und realisiere Projekte. Jetzt in der Corona-Zeit habe ich - wie viele andere auch - wahnsinnig viele Anträge geschrieben, um irgendwie etwas von unserer Szene zu retten."

 

Was bedeutet für dich der Begriff Arbeit?

 

"Ich stehe auf Arbeit. Böse Zungen sagen zu mir ich bin eine „Gschaftlhuberin“. (lacht) Also ich bin auch gern am Socialisen und am Plappern. Aber wenn ich meine Punkte im Kopf hab, die ich machen muss, dann will ich nicht abgelenkt werden. Wir haben zum Beispiel eine sehr schöne Hausgemeinschaft in der P1 und da waren jetzt, als das Wetter besser wurde, viele Hinterhoftreffen, doch ich musste Anträge durchboxen. Da war ich total vehement und habe alles sonst abgesagt.
Wobei ich nicht weiß, ist das dann zu technokratisch, zu neoliberal? Also immer Effizienz, Effizienz. Ich bewundere auch die Menschen die Zeit und Effizienz einfach wegschieben können.


Aber - Arbeit ist super. Ich liebe Arbeit, und eines meiner Lieblingswörter ist Mühe. Sich Mühe geben. Und ich stehe auch auf Care-Arbeit. Auch Achtsamkeit – ist ja das neue In-Wort - aber du schaust, ob es allen gut geht, den Leuten am Tresen, am Einlass. Emotionale Arbeit eben. Das gefällt mir."

 

Was ist das größte Manko an der heutigen Arbeitswelt?

 

"Dass die Care-Arbeit vergessen wird. Dass sie deswegen vergessen wird, weil sie in unserer Gesellschaft nicht anerkannt ist. Weder monetär noch gesellschaftlich wertschätzend. Das heißt, alles an Care-Arbeit schiebst du ab, sobald du eine gewisse Position hast. Sobald du eine höhere Position hast, machst du nur die „wichtigen“ Dinge. Und da gehört nicht dazu, dass man Dreck weggeschaufelt, dass man Toiletten putzt oder, dass man sich um Menschen kümmert, denen es nicht gut geht. Das nervt mich am meisten. Und, dass alles nach dem Gott Geld strebt, aber das ist natürlich systemimmanent. Das ist der Kapitalismus."

 

Hast du selbst schon einmal in deinem Arbeitsalltag Diskriminierung erlebt?

„Ja, mehrfach. Das Ding ist, ich bin ja bei einem Mann aufgewachsen. Ich bin Scheidungskind, bin mit drei Jahren zu meinem Vater gekommen und den würde man wohl ganz klar als Ladykiller und Chauvinisten bezeichnen. Deswegen beobachte ich diese Genderrollen schon von klein an. Ich war als Kind für seine tausend Freundinnen oft die Brücke, um mehr Vertrauen aufzubauen oder Zugang zu ihm zu bekommen. Auf der anderen Seite hat er mich subtil unterstützt bei allem was Wildheit und Autarkie angeht, aus seiner Sicht eher so ein „Jungsding“. Wenn ich damals was verbockt oder was ausgefressen hatte war das für ihn meistens lustig und super. Aber diese beiden Pole, draufgängerischer Mann und fürsorgliche Frau, und die Abläufe, die man lernt, die fand ich von klein auf sehr befremdlich. Ich war sehr lange laut und aggressiv. Ich war eine, die den Jungs sofort Kontra gegeben hat, habe eine große Klappe, eine dunkle Stimme und bin sehr extrovertiert. Ich war bis Mitte 20 in männlich geprägten Gruppen unterwegs, sei es in DJ-Gruppen, beim Bau oder an der Technikschule. Dennoch gab es ganz oft, also eigentlich täglich, kleine Schwankungen, wo du nicht auf Augenhöhe bist, sondern du läufst unter dem anderen Geschlecht. Und dann musst du dir Strategien überlegen und am besten mehrere haben. Aber nichtsdestotrotz denke ich mir immer, ich bin absolut privilegiert, ich habe keine Migrationsgeschichte, bin sexuell straight, komme aus einer Bildungsbürger-Familie, aber natürlich habe ich selbst Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts gespürt und die Bandbreite, die ich erlebt habe, ist leider sehr breit.“

 

Wie stellst du dir Arbeit mit dem Blick auf den restlichen Verlauf deines Lebens vor?

„Ich wünsche mir, dass ich weiterhin in guten Kollektiven und Gruppen arbeiten kann. Mit möglichst unterschiedlichen und diversen Menschen, möglichst auf Augenhöhe, mit möglichst viel Eigenverantwortung.

Ich will eigentlich irgendwann weg aus Nürnberg und gerne aufs Land. Dort aber auch schauen, dass man ein Kollektiv aufbauen kann. Ich stelle mir meine Arbeit in Zukunft immer noch breitgefächert vor. Was ich nicht mag, sind immer die gleichen Abläufe, immer die gleichen Zeiten. Und ich glaube, dass es vielen Menschen damit auch nicht gut geht und es natürlich auch eine Entfremdung von der Arbeit ist. Ich will sehen, was bei meiner Arbeit herauskommt. Sei es eine Abendveranstaltung, ein Laib Brot oder ein Projekt. Ich will das von Anfang bis Ende mitbegleiten können.“

 

Was denkst du über die 40-Stunden-Woche, die, glaube ich, doch die Mehrheitsgesellschaft als Arbeit definieren würde?

 

„Ich bin eine große Unterstützerin des bedingungslosen Grundeinkommens. Ich glaube unsere Gesellschaft würde sich dadurch positiv ändern hin zur mehr Care-Arbeit, Bildung, zur Philosophie, Natur, zur Entdeckung von eigenen Talenten, zu mehr Empathie. Ich finde das wäre ein sehr, sehr wichtiges Konzept. Aber wir frönen halt weiterhin dem Kapital und unsere Gesellschaft ist darin fest verankert. Für mich wäre es ein großer, großer Schritt, wenn die Leute sich zwischen Lohnarbeit und Arbeit entscheiden könnten. Zwischen einer Arbeit aus Leidenschaft und Erwerbsarbeit. Das wäre großartig.“

Was gehört für dich zu einer gerechten Arbeitswelt?

 

"Kapitalismus abschaffen. Punkt."

Und in kleineren Schritten? :)

 

"Wir haben in der Corona-Krise gesehen, wer den Laden am Laufen gehalten hat. Das waren zum Großteil Frauen - im Verkauf, in der Pflege, zu Hause, in der Erziehung. Ich würde mir wünschen, dass wir erkennen, dass andere Arbeiten viel, viel wichtiger sind, als Arbeiten, die gut bezahlt sind.  
Es gibt natürlich gut bezahlte Menschen, die auch wirklich wichtige Arbeit leisten. Aber es gibt viele Menschen, die trauen sich nicht mal zu erzählen, was sie arbeiten, weil sie dann schief angeguckt werden. Es gibt Menschen, die können sich und ihre Familie mit ihrem Job nicht wirklich über Wasser halten. Ich würde mir wünschen, dass der Mensch wegkommt von seiner Vorstellung, dass unser Selbstwertgefühl an Lohnerwerb geknüpft ist. Wir sollten aufhören uns über die Arbeit zu definieren. Und es gibt selbst in unserer Szene immer die Fragen „Was machst denn du?“. Und dann wird nicht erzählt, „Ich lieg gerne im Garten und liebe Batiken und ich lese gerne Bücher“, sondern man erzählt immer sofort von seinem Beruf. Beruf und Berufung, da ist bei uns noch ein großer Gap dazwischen und die Wertigkeit von Lohnarbeit ist immer noch zu hoch.“

Was bedeutet für dich ein gutes Leben?

 

"Schwierig. Ich meine, wir sind erste Welt, ne? Wir haben alle ein wahnsinnig gutes Leben. Ich bin in Relation unglaublich abgesichert. Ich habe keinen Krieg am Hals. Ich habe ein Dach überm Kopf, ich hungere nicht. Ich kann mich relativ gut ausleben. Ich stell mir ab und zu vor, wenn meine Tochter und ich in einem anderen Land leben würden - wie wäre das? Das ist eine schwierige Frage, denn ich bin auch eine Aktionistin und Kämpferin. Ich sehe hier ganz viele Missstände, aber ich kann es auch überhaupt nicht leiden, wenn Leute jammern. Aber kurz zusammengefasst - ein gutes Leben heißt gute Freundinnen und Freunde, Gesundheit, gute Familie, Spaß und dass man die Gerechtigkeit nicht vergisst."

Vielen Dank Wally!

Interview: Carolin Wabra, Sabine Herberth

Foto: Carolin Wabra

Datum des Interviews: 05.08.2020