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Natalie Keller Women of Nuremberg ah:mi

"...ich halte nichts von einer 40-Stunde-Woche, 30 Stunden sind für mich eigentlich die optimale Arbeitsdauer." 

Natalie Keller

Politikerin, Aktivistin, Feministin

Natalie ist Mitglied des Nürnberger Stadtrats für die Grünen und vertritt dort feministische und kulturpolitische Themen. Außerdem arbeitet sie hauptberuflich in einem Antidiskriminierungsprojekt und setzt sich ehrenamtlich für zahlreiche Initiativen ein.

Was wolltest du als Kind werden?

Natalie Keller: "Lehrerin. Das hat aufgehört in der elften Klasse, weil ich gedacht habe - ich habe keinen Bock so zu arbeiten wie es mir vorgeschrieben wird."

Wie sieht ein klassischer Arbeitstag von dir aus?

"Ok ich beschreibe mal einen super klassischen Tag. Halb sechs, sechs Uhr morgens aufstehen, schnell einen Kaffee machen, Tasche packen, mir überlegen was ansteht, Kind aufwecken, Kind noch mal aufwecken, Kind zurecht machen, dem Kind das Frühstück auf den Tisch stellen, während das Kind frühstückt und Hörspiel hört ins Bad und duschen, anziehen, während dessen schnell Facebook, Instagram und Twitter checken und vielleicht auch noch Nachrichten, damit ich einigermaßen vorbereitet bin für den Tag und dann abgehetzt los zur Arbeit. Das Kind ist entweder in der Schule, im Hort oder während der Corona Pandemie war es mit im Büro oder beim Vater, es ist immer abwechselnd bei mir oder beim Vater. Nach der Arbeit sind dann irgendwelche Stadtratstermine, wie Sitzungen, Ausschuss-Sitzungen, Gremien-Sitzungen oder Termine mit Kultur-Schaffenden oder anderen Initiativen. Dann das Kind abholen, wenn es nicht schon dabei ist, nach Hause, Abendessen, Kind fertig machen fürs Bett, Sofa, noch ein paar Mails abarbeiten, vielleicht noch Netflix schauen nebenbei und dann ins Bett."

Würde so auch der perfekte Arbeitsalltag für dich aussehen?

"Ich arbeite wahnsinnig gerne. Das hab ich schon immer gemacht. Ich hätte gerne mehr Zeit für meinen Sohn, tatsächlich. Die kommt mittlerweile zu kurz, jetzt natürlich auch aufgrund des politischen Mandats. Aber im Grunde genommen – ich bin gerne unterwegs und gerne auch unter ein bisschen Druck. Dazwischen sitze ich immer noch auf der Treppe natürlich, im Schneppi. Das ist obligatorisch. Da treffe ich auch viele Leute, mit denen ich mich kurz unterhalten kann. Das ist Networking, Freizeit und Freunde treffen – ich muss mich also nicht extra wo anders hinbewegen, sondern dort ist alles an einem Ort."

Was bedeutet für dich der Begriff Arbeit?

"Geld verdienen wäre zu kurz gegriffen. Wobei es bei mir tatsächlich von Anfang an ein Geld-verdienen-um-zu-überleben war. Arbeiten bedeutete für mich nicht, mir Luxusgüter leisten zu können, sondern die Wohnung bezahlen zu können und auch Freiheit und Unabhängigkeit. Mal in ein Café oder Restaurant gehen zu können, sich selber etwas kaufen zu können.
Aber die Arbeit an sich, das bedeutet für mich schon Erfüllung. Und es ist auch bezeichnend, dass ich Geisteswissenschaften studiert habe. Slawistik, Pädagogik, Theologie – ich meine, wer studiert das schon? Ich habe das gemacht, was ich immer machen wollte. Ich bin auch nie in ein Unternehmen gegangen, ich würde mich da auch nicht bewerben, weil das nicht meiner Vorstellung von Arbeit entspricht. Ich will etwas machen, was sinnstiftend für mich ist. Da gehört für mich feministische Arbeit, Integrationsarbeit dazu, das mache ich einfach schon immer, das ist meine Erfüllung."


Was ist für dich das größte Manko an der Arbeitswelt, in ihrer derzeitigen Form?

"Spontan würde ich sagen es gibt eine Kluft zwischen dem Anspruch, wie eine gute Work-Life-Balance auszusehen hat und der Realität. Es sind nach wie vor Frauen, die einen Großteil der alltäglichen Arbeit erledigen. Ich glaube, für viele Menschen ist es nicht immer einfach eine sinnstiftende Arbeit zu wählen, weil man ja auch Geld verdienen muss, um sich und auch noch vielleicht die Familie zu ernähren. Das gilt für alle, aber trifft Frauen stärker, denke ich. Ein Großteil der Alleinerziehenden sind Frauen. Wenige Leute können es sich tatsächlich leisten, so zu arbeiten wie sie es gerne möchten."

Hast du selbst schon einmal Diskriminierung im Arbeitsalltag erfahren?

"Ja, als Frau definitiv. Ich bin natürlich sehr privilegiert, ich bin eine weiße, heterosexuelle Frau in Deutschland, in Bayern. Aber ich habe durchaus Diskriminierung erfahren sobald ich ein Kind hatte und bei Vorstellunggesprächen war. Da ging es dann darum wie ich das vereinbaren will. Das zieht sich schon durch mein Leben hindurch, diese Frage - du bist eine Frau, du hast ein Kind, wie willst du eigentlich Karriere machen, wo du dich ja eigentlich um dein Kind kümmern musst? Ansonsten sehe ich Diskriminierung bei anderen Frauen, die andere Hintergründe haben, andere soziale Benachteiligungen, eine andere sexuelle Orientierung, Hautfarbe usw. Als Teilzeit-Alleinerziehende erfahre ich das eher indirekt, wenn ich weiß, ich muss das doppelte leisten, um diese Aufgabe zu erfüllen, weil ich im Hintergrund noch mein Kind habe. Es wird nicht Rücksicht darauf genommen, dass ich allein bin mit einem Kind, sondern ich habe dieselbe Leistung zu erbringen. Ich würde es jetzt nicht direkt als Diskriminierung bezeichnen, aber es ist schon eine Form der Benachteiligung. Die vielleicht auch unbewusst passiert, weil man diese Lebensrealität immer noch nicht so auf dem Schirm hat."

Hat sich durch Corona dein Blick auf Arbeit verändert oder das Problem, welches du angesprochen hast, verschärft?

"Ja, definitiv. Corona, um es mit den Worten meines Sohnes zu sagen, hätten wir alle nicht gebraucht. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich aber auch Glück, ich habe tatsächlich während dieser Zeit einen neuen Job in einer NGO gekriegt, ich bin in den Stadtrat eingezogen, bei mir hat sich eigentlich eher nach einer langen Durststrecke der letzten Jahre, in denen ich viel gearbeitet habe und schon nach etwas Neuem gesucht habe und dachte es wird nie passieren, etwas aufgetan. Bei mir lief es ganz gut, ich habe einen sicheren Job, zumindest für die nächsten fünf Jahre, ich habe für die nächsten sechs Jahre ein Mandat, ich kann mich finanzieren, aber es war natürlich schwierig mit dem Kind. Jetzt schweife ich ab, aber ich war sehr viel zuständig für mein Kind, musste ihn mit in die Arbeit nehmen, ich konnte das tun, aber ich weiß, dass viele andere Frauen das nicht tun konnten. Oder auch viele Familien, aber ich spreche jetzt einfach mal für Frauen, die hauptsächlich zuhause geblieben sind, die sich um die Kinder gekümmert haben, die nebenbei versucht haben, ihre Aufgaben zu erledigen oder die vielleicht sogar ihre Jobs verloren haben oder in Kurzarbeit sind. Ich weiß von vielen Paaren, auch wenn beide im Home Office waren, war es trotzdem oft die Frau, die zuständig war. Es ist also ein klassisches Rollenmodell. Letztendlich machen die Frauen die Care-Arbeit plus ihre Arbeit. Das hat sich auf jeden Fall verschärft, dazu gibt es mittlerweile auch genug Studien. Auch aus den Gesprächen, die ich in den letzten Monaten geführt habe, wurde mir das sehr stark deutlich."

Wie stellst du dir Arbeit mit Blick auf den restlichen Verlauf deines Lebens vor?

"Das ist eine gute Frage, die habe ich mir noch gar nicht wirklich gestellt, weil ich immer so mittendrin im Arbeiten und in Bewegung bin. Ich plane immer für die nächste Zeit, also sagen wir mal, was passiert in meinem Job, oder welche Themen sind gerade im Stadtrat aktuell, oder mein Sohn wird größer, ich werde immer unabhängiger, ich kann ihn alleine lassen, ich kann ihm mehr Verantwortung übertragen. Aber ich habe mich tatsächlich noch gar nicht damit beschäftigt wie ich mir das zukünftig vorstelle. Also ich will weiterhin selbstbestimmt und autonom bleiben und Ideen, die ich habe, einbringen und verwirklichen. Ich will weiterhin meine Motivation und Neugier behalten. Aber ich habe mir die Frage so tatsächlich noch gar nicht gestellt."

Was gehört für dich zu einer gerechten Arbeitswelt?

"Auf jeden Fall gleiche Bezahlung für Frauen und Männer. Wir wissen ja, dass Frauen nach wie vor in vielen Jobs weniger verdienen, obwohl sie gleiche Arbeit leisten. Für mich gehört außerdem Augenhöhe und Austausch dazu, ein respektvoller Umgang mit vielfältigen Meinungen und Ideen und dass Themen miteinander ausgehandelt werden. Dass alle gehört werden. Diversity Management ist zwar aktuell ein In-Wort, aber wenn man sich viele Arbeitsorte anschaut sind wir momentan noch weit davon entfernt. Ich spreche dabei jetzt nicht nur von Frauen und Männern, sondern auch von anderen Diversity-Merkmalen. Manche größeren Unternehmen beschäftigen sich damit vielleicht schon intensiver, aber gerade bei den Kleineren sind wir von diesen bereichernden, vielfältigen Perspektiven noch weit entfernt."

Was denkst du über die 40-Stunden-Woche?

"Ich will keine 40-Stunden-Woche haben. (lacht) So gesehen habe ich persönlich ja eine 60-Stunden-Woche, seit ich im Stadtrat bin, aber ich halte nichts von einer 40-Stunde-Woche, 30 Stunden sind für mich eigentlich die optimale Arbeitsdauer. Letztendlich muss man noch nicht mal eine Familie haben, es ist auch für eine:n persönlich einfach wichtig von der Arbeit loszukommen, Auszeiten zu haben, Freunde zu treffen, soziale Kontakte zu pflegen. Auch mal Zeit zu haben in Ruhe ganz banale Sachen zu machen wie einzukaufen, nach Hause zu fahren. Und wenn man Familie hat ist es natürlich umso schöner. Dieses abgehetzt sein, schnell zum Kinderladen, schnell zum Hort radeln, das Kind schnell zu übernehmen, das ist ein Gehetze. Mit einer 30-Stunde-Woche ist man ganz gut bedient, also ich habe damit gute Erfahrungen gemacht. Durch den Stadtrat habe ich jetzt natürlich mehr, aber das macht mir ja Spaß und das mache ich gerne."

Was bedeutet für dich ein gutes Leben?

"Autonomie. Wahlfreiheit. Die Freiheit bestimmen zu können, wer ich sein will, welche Rollen ich übernehmen will, welches Lebensmodell ich leben möchte. Das ist natürlich einfach gesagt, denn letztendlich braucht man immer Geld. Es kommt natürlich auch drauf an wieviel Geld man haben will oder denkt zu brauchen, manche sind mit weniger zufrieden, andere mit mehr. Aber tatsächlich die Freiheit zu besitzen, selbst bestimmen zu können, was ich mache und was ich sein möchte. Gerade als Frau gehört das für mich zu einem guten Leben dazu, weil wir oft genug reglementiert werden, bewertet werden, angegangen werden sobald wir uns vermeintlich ein Stück zu viel Freiheit herausnehmen. Das wäre schön, wenn das nicht mehr der Fall wäre."

Vielen Dank Natalie!

Interview: Carolin Wabra, Sabine Herberth

Foto: Carolin Wabra

Datum des Interviews: 10.08.2020