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Marina Wachsmann Women of Nuremberg ah:mi

"Frauen müssen den potenziellen Kinderwunsch in ihr Leben mit einplanen, aber genauso sollte es die Arbeitswelt tun."

Marina Wachsmann

Gründerin, Vintage-Expertin, Schmuckdesignerin

 Marina ist die Gründerin und Inhaberin der Läden Senfgelb und Möbel Wachsmann in der Nürnberger Innenstadt. Neben Schmuck und Vintage-Fundstücken, kann man dort auch erleben was es bedeutet, wenn jemand seine Berufung gefunden hat. 

Was wolltest du als Kind werden?

 

Marina Wachsmann: "Ich hatte während meiner Kindheit nie einen bestimmten Berufswunsch. Handwerkliche Tätigkeiten und schöne Dinge haben mich schon immer begeistert, wie der Beruf der Goldschmiedin oder Arbeit mit Keramik und Wohnaccessoires generell. Meine zweite Leidenschaft galt der Natur, also Tieren, Pflanzen und Tätigkeiten, die damit zu tun haben, wie Landschafts- und Gartenbau. Das hat sich eigentlich auch durchgezogen, diese zwei Bereiche interessieren und begleiten mich bis heute."

Wie sah in der Vor-Corona-Zeit ein normaler Arbeitstag von dir aus?

"In meinem Job gibt es keine Standard-Tage. Da ich als Selbstständige jeden Tag selbst organisiere, ist jeder anders. Ich plane mir meine Tage gerne voll, weil es mich glücklich macht, viel zu schaffen. Als Selbstständige sehe ich auch bei allem was ich tue, dass etwas vorwärts geht und was dabei rauskommt - ich mache es also für mich.


Meinen Tag beginne ich meist gegen 9 oder 10 Uhr und arbeite dafür bis sehr spät, diesen Luxus weiß ich auch sehr zu schätzen, selbstbestimmt meinen Tag zu gestalten. Zu meiner Morgenroutine gehört es schon im Bett die ersten Nachrichten zu beantworten – die meisten Menschen würden mir attestieren, dass das nicht gut ist – aber dadurch hab ich die Büroarbeit erledigt und kann direkt in den aktiven Teil starten. Meistens geh ich dann zum Laden, verpacke Waren zum Verschicken, mach Fotos von neuen Teilen oder nehme Maße für Kunden, die online etwas angefragt haben. Wenn der Laden offen hat, verbringe ich den restlichen Tag dort, falls nicht, bin ich unterwegs und schaue Möbel an bei Haushaltsauflösungen, fahr zu Händler:innen oder zu Kund:innen, die etwas verkaufen möchten und mich kontaktiert haben. Es gibt Tage, da räum ich mein Auto fünf bis sechs Mal ein und aus. Meine Tage sind also immer sehr aktiv. Daher habe ich eigentlich auch fast keine Zeit mehr, selbst im Laden zu stehen, da es so viele andere Dinge zu tun gibt. Zum Glück ist das aber eine Aufgabe, die ich auch gut abgeben kann und mir Unterstützung dafür hole. Denn an normalen Tagen arbeite ich, ohne dass der Laden geöffnet hat, 10 bis 12 Stunden, manchmal sind es sogar 16 bis 17, wie beispielsweise in der Vorweihnachtszeit, wenn es besonders viel zu tun gibt. Diese Zeiten fühlen sich dann an wie ein Rausch, ich arbeite den ganzen Tag, esse nur zwischendurch, falls mir jemand etwas vorbeibringt und falle abends tot ins Bett bis es am nächsten Tag schon wieder weitergeht. Auch Corona war für mich so eine Zeit. Der Laden konnte nicht öffnen und ich musste andere Lösungen finden, ich habe dann meinen Onlineshop aufgebaut. Aus dieser Angst heraus, meine laufenden Kosten nicht zahlen zu können, ist dann etwas Neues entstanden. Das war eine super stressige Zeit, aber es hat mich gleichzeitig sehr happy gemacht.
Ja und abends setze ich mich dann meist nochmals an den Rechner und poste neue Ware, beantworte Nachrichten, mach die Steuer, schreib Rechnungen - oft bis spät in die Nacht."


Wie würde für dich der perfekte Arbeitsalltag aussehen?

"So wie er ist, weil ich ihn mir selbst strukturieren und organisieren kann." (lacht)

Was bedeutet für dich der Begriff Arbeit?

"Etwas, das mich sehr glücklich macht und befriedigt. Ich würde mir wünschen, dass das mehr so empfinden könnten und Menschen, die eine Arbeit haben, die sie total unglücklich macht, es schaffen, sich etwas anderes zu suchen. Es wäre für mich ganz schlimm, wenn ich jeden Tag in ein Büro gehen müsste und dabei nicht das Gefühl hätte, etwas Sinnvolles zu tun. Sinnvoll kann dabei bedeuten, dass es nur für mich sinnvoll ist, oder für die Gesellschaft, oder jemand Anderes glücklich macht. Zu meinem Verständnis von Arbeit gehört auch, dass es sich für mich eigentlich nie nach Arbeit anfühlt. Ich kenne nicht dieses „Morgen muss ich wieder in die Arbeit“ – Gefühl."

Was ist für dich das größte Manko an der Arbeitswelt, wie sie aktuell ist?

"Worüber ich immer wieder nachdenke ist, es gibt so viele Menschen die gerne weniger Stunden arbeiten würden und sich mehr Freizeit wünschen, aber es wird nicht ermöglicht. Gleichzeitig gibt es so viele Arbeitslose, die keinen Job haben. Man könnte daher die vorhandene Arbeit viel besser aufteilen und so zum Beispiel aus zwei Jobs drei machen. Ich rede dabei von Anstellungsverhältnissen, Selbstständige sind da ausgenommen. Ich mach das alles gerne, ich mach es freiwillig, auf der anderen Seite muss ich es aber auch so machen, damit es mit der Miete und allem funktioniert. Wenn ich nur 40 Stunden die Woche arbeiten würde, könnte ich es gleich lassen. Und so ist es bei den meisten Selbstständigen. Das ist auch ein wichtiger Punkt. Ich mach es gerne, aber anders geht es auch nicht. Ich lebe von nicht viel und es ist sehr sehr viel Arbeit.
An zweiter Stelle finde ich kritisch an der Arbeitswelt, dass nur wenige Leute sich trauen, das zu machen was sie wirklich wollen. Natürlich gibt es nicht für jede:n den Traumjob, aber ich glaube dieser Zustand liegt zu einem großen Teil auch daran, dass viele denken sie brauchen mehr Geld, als das eigentlich der Fall ist. Diese Denkweise erlernen wir durch unsere Sozialisation und Gesellschaft, aber viele schaffen es nicht das zu hinterfragen. Viele wissen nicht, was sie wirklich glücklich macht und denken vielleicht, es wäre das Geld. Gerade in der Generation meiner Eltern gibt es viele Glaubenssätze die sagen „das macht man nicht“ oder „das funktioniert doch nicht“, die Menschen in meinem Alter sind da zum Glück schon etwas flexibler und fordern auch Dinge wie eine Vier-Tage-Woche oder unbezahlten Urlaub bei ihren Arbeitgeber:innen ein."


Hast du schon einmal Diskriminierung in deinem Arbeitsalltag erfahren?

"Ja, das gibt es immer und das obwohl ich schon immer selbstständig bin. Die Vintage-Möbelbranche ist sehr stark männerdominiert, neben mir kenne ich noch ein oder zwei Frauen und 40 bis 50 Männer von Flohmärkten, als Händler oder Kollegen, die das Gleiche machen. Das hat ein paar Jahre gedauert, bis die mich alle akzeptiert und gleichbehandelt haben wie die Männer. Ich musste mir mein Standing auf jeden Fall erst mal erarbeiten. Genauso ist es hier in meinem Laden, die Leute verhandeln mit mir viel mehr um die Preise, als sie es bei meinen männlichen Aushilfen tun."

Wie stellst du dir Arbeit mit Blick auf den restlichen Verlauf deines Lebens vor?

"Ich finde es perfekt wie es ist. Es kann sich immer etwas verändern, aber ich wusste bisher jedes Mal was das Richtige für mich ist und habe die Dinge dann geschehen lassen. Zu Beginn meines Studiums hätte ich noch gesagt, ich bin für immer Lehrerin, in der Mitte hätte ich gesagt, ich will etwas Anderes machen und weiß noch nicht was und am Ende hat sich mein erster Laden einfach ergeben. Und aus dem ersten Laden wurde dann ein zweiter Laden. Jetzt gerade bin ich an einem Punkt, an dem ich möchte, dass alles so bleibt wie es ist, mir aber wünsche irgendwann auch ein paar Stunden weniger arbeiten zu können und mehr Freizeit zu haben. Mein Wunsch wäre tatsächlich eine 40-Stunden-Woche. (lacht) Das Wichtigste für mich ist es aber, weiterhin selbstbestimmt zu arbeiten."

Was denkst du über die 40 Stunden Woche?

"Wie ich in meiner Antwort oben auch schon erwähnt habe, ist für mich eine flexiblere Arbeitszeitgestaltung längst überfällig. Ich versuche alle Menschen in meinem Umfeld darin zu bestärken, über alternative Lebenskonzepte nachzudenken, wie beispielsweise durch das Leben in einer WG oder Food-Sharing weniger Geld fürs Leben zu benötigen und dadurch weniger arbeiten zu müssen. Oder beim Arbeitgebenden eine kürzere Arbeitswoche oder ein Sabbatical einzufordern. Meiner Meinung nach passt unsere heutige Gesellschaft und das was Menschen für ihr Leben brauchen und anstreben, nicht mehr zu dem Konzept einer 40-Stunden-Woche."

Was wäre für dich eine gerechte Arbeitswelt?

"Gerechte Löhne für Männer und Frauen, das sollte man eigentlich gar nicht mehr erwähnen müssen. Außerdem finde ich die ungleiche Bezahlung zwischen Knochenjobs und Bürojobs nicht mehr länger tragbar. Auch das große Ungleichgewicht zwischen den aktuellen Lebenshaltungskosten und den Löhnen in manchen Branchen. Gleicher Lohn für vergleichbare Arbeit, das wäre für mich ein wichtiger Schritt.


Was mich als Frau natürlich auch beschäftigt ist das Thema Kinder und Arbeit. Frauen bekommen nun mal Kinder. Wir haben als Frauen, und das ist uns ein Leben lang bewusst, einen Nachteil. Und das sollte es nicht sein. Frauen müssen den potenziellen Kinderwunsch in ihr Leben mit einplanen, aber genauso sollte es die Arbeitswelt tun. Dabei sollten auch die Selbstständigen nicht vergessen werden, denn ich wüsste zum Beispiel nicht, wie sich ein Kind und meine Arbeit vereinbaren ließen – dafür gibt es einfach noch viel zu wenige Konzepte und Unterstützung vom Staat."

Was bedeutet für dich ein gutes Leben?

"Es selbstbestimmt zu führen in allen Bereichen. Mich und andere glücklich zu machen. Auf meine Bedürfnisse zu hören und sie zu erfüllen. Mir selbst etwas Gutes tun, das muss auch nicht immer etwas kosten. In die Natur gehen, mit Freunden kochen, Wein trinken. Sich Zeit nehmen zu Reisen, es muss auch nicht immer weit sein.

Vielen Dank für das Interview, liebe Marina!

 

Interview: Sabine Herberth

Foto: Sabine Herberth

Datum des Interviews: 14.09.2020