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Dr. Ebru Tepecik Women of Nuremberg ah:mi

"Ich glaube, das ist schon ein Beitrag in Richtung einer gerechteren Gesellschaft, sich auch immer wieder über die eigenen Privilegien bewusst zu werden und darüber, dass es soziale Ungleichheiten und Benachteiligungen gibt."

 

Dr. Ebru Tepecik

Diversity Management FAU

Dr. Ebru Tepecik ist zentrale Ansprechpartnerin für den Bereich Diversity Management an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
 

Was wollten Sie als Kind werden?

Dr. Tepecik: "Ich wollte so einiges werden. Als ich ganz klein war und das erste Mal in ein Flugzeug getreten und geflogen bin, wollte ich danach unbedingt Stewardess werden. Die hübschen Frauen in diesen hübschen Uniformen haben mir damals sehr imponiert. Aber das hat sich bald wieder geändert und irgendwann war es mein Wunsch, Konditormeisterin zu werden. Besonders beeindruckt hat mich daran die Ästhetik der hübschen Törtchen und deren Verzierungen. Nach Stewardess und Konditormeisterin wollte ich nach dem Abitur Jura studieren. Ich hatte also sehr vielfältige Phantasien, was meine Zukunft anbelangt. Am Ende kam dann doch alles ganz anders, nach einem Semester Jura habe ich schnell entschieden, dass das überhaupt nichts für mich ist. Danach bin ich in die sozialwissenschaftliche Richtung gegangen und habe Pädagogik, Soziologie und Turkologie studiert  und bin mit dieser Entscheidung bis heute sehr zufrieden."

Wie sieht denn ein regulärer Tag von Ihnen aus? Durch Corona hat sich ja auch im Hochschulalltag viel verändert, aber vielleicht können Sie uns durch einen Tag aus der Vor-Corona-Zeit mitnehmen.

"Mein Tag ist immer sehr voll mit verschiedenen Aufgaben, das zeichnet meine vielseitige Arbeit aus. Ich arbeite sowohl auf strategisch-konzeptioneller Ebene, manage aber auch Projekte, koordiniere und leite Austauschforen und Arbeitskreise und führe Veranstaltungen durch und bin zum Teil beratend tätig. Oft sitze ich aber natürlich auch am PC und arbeite dort, bin im Austausch mit vielen verschiedenen internen Stellen zu unterschiedlichen Themen wie Inklusion, religiöse oder geschlechtliche  Vielfalt. Wir haben einen Lenkungskreis Diversität, welchen ich leite, wo Personen aus unterschiedlichen Status- und Zielgruppen und  Vertreter:innen aus der Universität zusammenkommen. Dort widmen wir uns zentralen Fragen zum Umgang mit Diversität, tauschen uns über Projekte und Handlungsbedarf aus, formulieren Empfehlungen und initiieren diversitätsbezogene Projekte. Die Arbeit ist, wie gesagt, sehr vielseitig und bedarf einer stetigen Flexibilität. Ich sitze auch viel am PC und habe viel Schreibarbeit, telefoniere oft mit internen und externen Stellen. Wir sind im Diversity Management lokal, regionale und bundesweit vernetzt. Vernetzung ist für meine Arbeit übrigens ein sehr wichtiges Thema, sodass man immer wieder über den eigenen Tellerrand hinausblickt, sich in bundesweite Diskurse einklinken kann und sich mit anderen Hochschulen austauscht. Das ist sehr wertvoll für die Entwicklung des Aufgabenbereichs. Auch der Austausch hier im Büro, mit meinen Kolleginnen, ist mir sehr wichtig. Es ist also ein voller Tag, gefüllt mit eigenen Projekten, Koordination von Aktivitäten sowie fachlichem Austausch und Zuarbeit. Außerdem arbeite ich eng mit dem Vizepräsidenten People, der für die Bereiche  Chancengleichheit und Vielfalt zuständig ist. Meine Tage sind nie gleich, im Kern steht jedoch konzeptionelle Arbeit, Vorbereitung, Koordination, Planung und Kommunikation."

 

Wenn Sie den perfekten Arbeitsalltag beschreiben müssten, wie würde dieser für Sie aussehen?


"Mein perfekter Arbeitsalltag würde so aussehen, wenn ich von meiner langen To-do-Liste ein paar Sachen wegstreichen kann. Dann natürlich die Möglichkeit, mich mit meinen Kolleg:innen auszutauschen, was sich aufgrund von Corona zur Zeit leider drastisch reduziert hat. Nun habe ich ständig Videokonferenzen, was auch nicht so toll ist. Die soziale Interaktion fehlt mir sehr. Wenn ich noch ein wenig körperliche Betätigung unterbekomme und ein gutes Mittagessen, bin ich rundum zufrieden mit meinem Arbeitstag.

Es viel nun schon sehr häufig der Begriff Arbeit. Was ist Ihre persönliche Definition von Arbeit?

"Ich verstehe unter Arbeit vor allem meine professionelle  Arbeit. Für mich ist es sehr wichtig, mich mit meiner Arbeit zu identifizieren. Außerdem ist mir Sinnhaftigkeit wichtig und Freude an der Tätigkeit, die ich ausführe. Manchmal kann Arbeit aber auch Frust bedeuten oder ein Kraftakt sein, aber wie in vielen Bereichen ist es eine dialektische Beziehung."

Was ist für Sie das größte Manko an der Arbeitswelt, wie sie aktuell ist?

"Ich spreche natürlich wieder mit meiner Diversity-Brille. Ich würde sagen, es gibt zu wenig Diversität insgesamt, aber vor allem in Schlüssel- und Führungspositionen. Da schließe ich unsere Hochschule und die Wissenschaft im Allgemeinen nicht aus. Ich finde die Vielfalt unserer Gesellschaft spiegelt sich viel zu wenig in der Berufswelt wider, das ist für mich ein großes Manko. Da ist noch so viel Potenzial auszuschöpfen. Es gibt bereits einen Diskurs zu Diversität  und Diversity Management in der Arbeitswelt, in großen globalen Unternehmen auch schon länger, aber bei genauerer Betrachtung, beispielsweise der deutschen Arbeitswelt, passiert meiner Meinung nach noch viel zu wenig. Genauso auch bei der Kategorie Geschlecht, wo natürlich in der gesellschaftlichen Entwicklung Fortschritte zu verzeichnen sind, es aber auch noch einiges nachzuholen gibt, gerade was Führungspositionen betrifft. Je höher die Etage, desto niedriger ist die Diversität. Das ist meine Wahrnehmung.

 

Von Diversität und Vielfalt ist der Weg nicht mehr weit zum Thema Diskriminierung aufgrund unterschiedlichster Merkmale wie Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe und/ oder Religion. Haben Sie selbst schon einmal Diskriminierung im Arbeitsalltag erfahren?
 

"In meinem Arbeitsalltag habe ich  keine direkte, persönliche Diskriminierung erfahren. Häufig findet Diskriminierung ja auch eher unterschwellig statt, in der Alltagskommunikation. Beispielsweise wie über Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen wird oder über praktizierende Muslime. Aber auch strukturell, wenn angeblich arabisch aussehende Männer nicht in Diskotheken gelassen werden oder häufiger von der Polizei kontrolliert werden. Was mich persönlich immer ärgert, womit ich immer wieder Mal konfrontiert werde, ist, wenn Menschen mit Migrationshintergrund, so sage ich mal, als Anwälte für politische Geschehnisse in ihren Herkunftsländern gehalten werden. Wenn ich als türkischstämmige  beispielsweise gefragt werde, wie ist es denn eigentlich zu diesem Massaker an den Armeniern gekommen? Oder an den Kurden in der Türkei? Oder aktuell, warum tut Erdoğan dies und das in der Türkei? Das ärgert mich, weil ich selbst ja auch nie auf die Idee kommen würde einen sog. "Biodeutschen" zu fragen, wie sie oder er als "Biodeutscher" eigentlich zum Holocaust steht. Ich habe wenigstens noch teilweise in der Türkei gelebt und habe auch noch einen Bezug zu diesem Land. Aber die dritte, vierte Generation? Viele von denen haben kaum noch Bezüge zu ihren Herkunftsländern. Sie sind hier geboren, sie leben hier, sie beschäftigen sich mit dem was hier passiert. Und trotzdem müssen sie über irgendwelche politischen, gesellschaftlichen Ereignisse in ihren Herkunftsländern aufklären und argumentieren, manchmal sogar legitimieren. Sowas nervt  mich einfach. Mit allem anderen kann ich in der Regel mit einer gesunden Portion Humor ganz gut umgehen. Migrationsbiographien haben eine hohe Frustrationstoleranz, weil uns im Alltag immer wieder, leider Gottes, Diskriminierung und Rassismus begegnet. Jeder muss seinen eigenen Umgang damit finden. Ich bin vielleicht noch in der glücklichen Situation, dass ich in meiner Arbeit das auch bearbeiten kann bzw.  mich für Sensibilisierung engagieren kann. Aber wie gesagt, die genannte Situation, in die Menschen, wie ich, gebracht werden, ärgert mich ungemein,
 

Wie stellen Sie sich Arbeit mit dem Blick auf den restlichen Verlauf Ihres Lebens vor?
 

"Ich wünsche mir auf jeden Fall viel, viel mehr Flexibilität. Also ein Arbeiten, unabhängig von Ort und Zeit. Ich denke im 21. Jahrhundert sollte das irgendwann möglich sein und vor allem mit der Erfahrung der Pandemie, dass Home Office durchaus funktionieren kann. In vielen Bereichen habe ich Hoffnung, dass sich das bald realisiert, dass man eben, wie gesagt, viel flexibler, unabhängig von Ort und Zeit, arbeiten kann. Ich denke, auch in vielen Geschäftsbereichen ist ja immer mehr die Rede von Innovation, Innovation, Innovation. Das ist jetzt der Trend. Da stelle ich mir auch vor, dass den Arbeitnehmern auch dafür Raum und Zeit gegeben werden muss, also Raum und Zeit für Kreativität und Inspiration, mehr Räume geschaffen werden müssen. Ob das jetzt für meine Arbeit an der Uni zutreffen wird, kann ich im Moment noch gar nicht abschätzen. Ich denke für unsere gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist es insgesamt sehr wichtig, dass wir mehr auf Flexibilität setzen und Potenziale auch anders ausgeschöpft werden können."


Zum Thema Flexibilität - was heute unser Arbeitsleben strukturiert ist eine 40 Stunden Woche, die ja immer noch zum Standard gehört oder zu einem normalen Arbeitsverhältnis. Was denken Sie darüber? Ist das noch zeitgemäß?


"Ich glaube nicht mehr. Ich bin ein Mensch, ich achte eher auf die Qualität als auf die Quantität, sehe also die Ergebnisse einer Arbeit. Es ist ja nicht so, dass längere Arbeitszeit, also eine 40-Stunden-Woche, automatisch zu besseren Ergebnissen führt. Ich glaube, es gibt mittlerweile genug Studien und Ergebnisse, auch arbeitswissenschaftliche, die belegen, dass bei verlängerter Arbeitszeit in der Regel die Leistungsfähigkeit abnimmt und die Produktivität eigentlich nicht mehr gegeben ist. Für viele Arbeitsbereiche lohnt es sich darüber nachzudenken, ob diese 40-Stunden-Woche tatsächlich noch Sinn macht. Dies gilt vor allem in Anbetracht der Faktoren Produktivität und Leistungsfähigkeit, aber auch unter Betrachtung gesellschaftlicher Umwandlungsprozesse, wie Familien sich heute gestalten. Auch dort ist viel mehr Flexibilität gefordert. Sich bei der Arbeit unabhängig von Ort und Zeit zu machen, ist einfach die Zukunft. In einigen Branchen machen wir das schon etwas länger, aber ich denke, dass es generell in diese Richtung gehen wird.


Was gehört für Sie zu einer gerechten Arbeitswelt?

"Zu einer gerechten Arbeitswelt gehört für mich, dass jedem Einzelnen einer Gesellschaft, unabhängig von den individuellen Merkmalen wie Geschlecht, kulturelle, religiöse Herkunft, körperliche und seelische Beeinträchtigungen, der gleiche Zugang zu Aufstiegschancen gewährt wird. Geschlecht und soziale Herkunft sollten darauf keinen Einfluss haben. Und wie ich vorhin bereits erwähnt habe, dass die gesellschaftliche Vielfalt heute Realität und mittlerweile auch Normalität ist und daher auch entsprechend abgebildet werden sollte - auf allen Etagen. Das wäre für mich eine gerechtere Arbeitswelt.

 

Das wäre eine sehr schöne Welt, klingt aber auch nach einer Idealvorstellung.

"Ich sage immer, der Weg ist das Ziel. Wir müssen gemeinsam darauf hinarbeiten, um diese nötigen Veränderung wahr werden zu lassen."

Das ist auch der Ansatz, den wir mit ah:mi verfolgen. Wir sind uns darüber im Klaren, dass große Veränderung durch viele kleine Schritte ermöglicht wird.

"Kleine Schritte sind wichtig. Jedes Individuum kann in seinem beruflichen und privaten Bereich etwas dazu beitragen und über die eigene Wahrnehmung und Bewertungen, entsprechend sein/ihr Verhalten reflektieren. Sie und ihre Initiative sind ja ein schönes Beispiel dafür! Ich glaube, das ist schon ein Beitrag in Richtung einer gerechteren Gesellschaft, sich auch immer wieder über die eigenen Privilegien bewusst zu werden und darüber, dass es soziale Ungleichheiten und Benachteiligungen gibt. Natürlich ist es schwierig, Strukturen zu verändern. Es ist ein langfristiger und vielschichtiger Prozess. Aber wie gesagt, ich bin der Meinung, dass jeder Einzelne dazu beitragen kann, die Welt ein Stück besser zu machen, Institutionen natürlich umso mehr.

 

Da hoffe ich immer auf die Digitalisierung und gemeinsame Vernetzung. Ich finde, das merkt man natürlich auch, dass viele kleine Stimmen auch laut werden können und sich dadurch im besten Fall etwas zum Positiven verändert. Das ist meine kleine Hoffnung, was die Zukunft und Innovationen angeht.

 

Kommen wir schon zu unserer letzten Frage: Was bedeutet für Sie ein gutes Leben?
 

"Ein gutes Leben bedeutet für mich ein Leben mit Sinn, Liebe, Freunden und ganz wichtig - einer guten Portion Lebensfreude und Humor."
 

Und ein gutes Mittagessen!

"Absolut! Essen ist ein Stück Kultur."

Ganz lieben Dank für Ihre Zeit, Frau Dr. Tepecik!

"Vielen Dank für Ihre Kampagne!"

Interview: Carolin Wabra, Sabine Herberth

Foto: Dr. Tepecik

Datum des Interviews: 24.08.2020